Reportage

Sie lernen kämpfen: Kindersoldaten in Kongo

Es ist kalt hier im Kongo, auf 2000 Metern Höhe. Masisi heißt die Region, die östlich von Goma liegt. Es sieht aus wie in den Schweizer Voralpen: Sanfte Hügel, saftiges Grün, überall Holsteiner Kühe. Idyllisch. Und genau hier sind 27 Rebellengruppen beheimatet, die gegen die kongolesische Regierung oder wahlweise untereinander kämpfen. So unterschiedlich ihre Ziele sind, eines verbindet sie: Sie rekrutieren gezielt Kinder als Soldaten.

Jean-Baptiste Kahigiro, Leiter des CTO Masisi-Centre vor den Statistiken des CTO.Jean-Baptiste Kahigiro, der Leiter des Kindersoldaten-Zentrums Masisi vor den Statistiken über die Kinder aus den verschiedenen Rebellengruppen. Es sind immer nur sehr wenige Mädchen unter den befreiten Kindern. Alexander Bühler / Caritas international

Martina fröstelt, die 15-Jährige zieht ihre einzige Decke eng um sich. Mit ihrer Familie wohnt sie in einer winzigen Hütte. Zum Schutz gegen den Regen, der hier täglich am Nachmittag einsetzt, ist ihre Unterkunft mit einer Plastikplane bespannt. Hunderte dieser Behausungen ziehen sich ringförmig um die Höhenzüge. Die Wege zwischen den Hütten sind rutschig, es riecht nach Urin, Kinder und alte Leute beäugen misstrauisch jeden Neuankömmling.

Martina wurde von der Miliz verschleppt, als sie 13 Jahre alt war. Als die Milizionäre in ihr Heimatdorf einfielen, plünderten sie das Dorf und nahmen Martina und eine Freundin mit. Sie mussten Lebensmittel, Kochtöpfe und alles andere, was die Milizionäre für wichtig befunden hatten, tragen. Die Mädchen wehrten sich nicht, sonst wären sie an Ort und Stelle erschossen worden.

Martina wusste genau, was ihr blühte: Im Kongo gibt es tausende Kindersoldaten. Zuerst war sie nur fürs Putzen und Waschen zuständig, doch manchmal, sagt sie, wurde sie auch mitgeschickt, um bei Plünderungen in Dörfern mitzumachen. Zweimal wurde sie vergewaltigt - ein Schicksal, das den meisten weiblichen Kindersoldaten widerfährt. Zum Glück, sagt sie, sei sie nicht schwanger geworden. Dann hätte sie nicht mehr fliehen können, weil sie an Kind und Vergewaltiger gebunden gewesen wäre. Und ihre Familie hätte sie auch gar nicht mehr akzeptiert.

Eine vollwertige Ausbildung - zum Kampf

Nach einigen Monaten drückte man ihr ein Maschinengewehr in die Hand, man wollte sie zu einer vollwertigen Soldatin ausbilden. Martina lernte zu schießen, sie lernte zu zielen, sie lernte Krieg. Anderthalb Jahre später vertrauten ihr die Milizionäre genug, um sie alleine zum Markt zu schicken - und Martina nutzte die Chance. Statt zurückzukehren, marschierte sie stundenlang, bis sie endlich wieder in ihrem Heimatdorf ankam. Doch ihre Eltern waren nicht mehr dort. Sie waren geflohen, der Krieg hatte sich in Martinas Heimatregion immer stärker ausgebreitet. Nur durch einen Zufall erfuhr sie, dass sich ihre Eltern jetzt im Flüchtlingslager Masisi befanden. Als sie schließlich dort ankam, freuten sich ihre Eltern, ihre totgeglaubte Tochter wieder in die Familie aufnehmen zu können. Aber sie stellten eine Bedingung: Martina musste in einem Caritas-Zentrum für ehemalige Kindersoldaten wieder lernen, zivil zu sein.

Im Schlafsaal des KindersoldatenzentrumsIm Schlafsaal des KindersoldatenzentrumsAlexander Bühler / Caritas international

Seit 2004 hat die Caritas in dieser umkämpften Region, in und um Goma, vier Zentren zur Wiedereingleiderung ehemaliger Kindersoldaten (CTO) aufgebaut. In diesen Zentren sollen die Kinder innerhalb einiger Monate verstehen lernen, dass ihre leidvolle Vergangenheit vorbei ist, dass sie in ihr Kinderleben zurückkehren können. In den vergangenen neun Jahren sind fast 6.500 Kinder durch diese Heime gegangen und konnten danach wieder an ihre Eltern übergeben werden. Beim Abschluss des Wiedereingliederungs-Kurses erhalten sie eine Bescheinigung der kongolesischen Armee, dass sie nun geläuterte Zivilisten sind. Diese Bescheinigung ist wichtig für die Dorfgemeinschaft, um schwarz auf weiß zu sehen, dass diese Kinder keine Gefahr mehr darstellen. Dass sie willig sind, ihre militärische Vergangenheit hinter sich zu lassen und wieder ein normales Leben zu führen.

Ziviles Leben lernen

Im Innenhof eines solchen Kinderheims, in Masisi, steht der 15-Jährige Paul neben anderen ehemaligen Kindersoldaten. Ein wenig abseits, schließlich verspotten ihn die Älteren ab und zu, weil er langsam ist. Seine Kleider schlackern ihm um die Glieder, Staub hat sich auf seine Sandalen gesetzt. Wie die anderen ehemaligen Kindersoldaten spielt er ein Lernspiel mit: "Stellt euch jetzt im Kreis auf," fordert ein Betreuer mit sanfter Stimme die 32 Jungen auf, die vor ihm stehen. Vorsichtig und gleichzeitig murrend, wie alle Kinder in der Pubertät, bewegen sie sich in die gewünschte Richtung. Sie kichern, stoßen sich gegenseitig in die Rippen und sagen einen Spruch auf, der ihr Mantra ist: "Du bist Zivilist!" Sie müssen auf Zuruf weiter in den Kreis springen, der das CTO symbolisiert, wer das nicht schafft, bleibt in seinem alten Soldatenleben stecken. Das soll ihren Ehrgeiz wecken, noch stärker an ihrer Vergangenheitsbewältigung zu arbeiten und ein Heimatgefühl schaffen.

Paul, 15,  ehemaliger KindersoldatDer ehemalige Kindersoldat Paul, 15, war drei Jahre bei der FDLR-Miliz, bis er nach seiner Flucht in das Zentrum Masisi kam. Alexander Bühler / Caritas international

Vier Monate wird Paul mit den anderen in einem kleinen Schlafsaal mit Stockbetten verbringen, wird mit ihnen essen, lernen mit Tieren umzugehen und ein Feld zu bestellen. Während er lernt umzudenken, wird der Dorfschneider seine Schuluniform anfertigen, damit er in die Schule gehen kann, werden die Köchinnen für ihn und die anderen Kinder eine einfache Tagesmahlzeit kochen. All das bezahlt die Caritas, damit Paul wieder eine Chance hat - und die Perspektive auf einen Frieden im Kongo erhöht.

Die Caritas-Betreuern achten darauf, wie es ihm geht, wie er reagiert - und sie sind in jedem Moment für ihn da. Wie zum Beispiel der Mitarbeiter Jules. Er selbst war als Kind, mit 14, ein Soldat. Drei Jahre lang. Drei Jahre in denen er die anderen Kinder um sich herum sterben sah. Immerhin hatte er das Glück, dass seine Einheit in die reguläre kongolesische Armee eingegliedert wurde - dadurch musste sein Befehlshaber ihn gehen lassen. Auch Jules hat seine militärische Vergangenheit im CTO bewältigt. Und er durfte nochmal die Schulbank drücken. Beim Gedanken daran bricht sich ein strahlendes Lächeln Bahn. "Meine Betreuer haben mir so sehr geholfen, dass ich das weitergeben muss". Für Jules war klar, dass er diese Hilfe zurückgeben musste, indem er anderen ehemaligen Kindersoldaten beisteht. "Das macht mich glücklich!" sagt er begeistert.

Der Psychologe muss tiefe Wunden heilen

Auch bei Paul, dem ehemaligen Kindersoldaten, besteht Hoffnung: Er wird wieder in die Schule gehen und hat am Ende dieser Zeit hoffentlich gelernt, mit den schlimmsten Erlebnissen aus seiner Zeit als Kindersoldat umzugehen. Dann kann er in sein Dorf zurückkehren und hat eine Chance, von der Dorfgemeinschaft wieder akzeptiert zu werden.

Was er erlebt und getan hat, ist nichts, was die Dorfgemeinschaft - oder er - so schnell vergisst: Beim Erzählen fährt er sich immer wieder mit der Zunge über die Lippen, sein Kopf wackelt dabei hin und her. Sein Körper bewegt sich ständig. Er blinzelt, öffnet den Mund - und doch kommen dem 15-Jährigen die Worte nur langsam über die Lippen. Er hat mit angesehen, wie seine Freunde - ebenfalls Kindersoldaten - Menschen töteten.

Jacques, 15, ehemaliger Kindersoldat, der jetzt bei seiner Familie in einem Dorf lebt, nachdem er ein CTO durchlaufen hat.Jacques, 15, ehemaliger Kindersoldat, hat die ersten Schritte ins zivile Leben hinter sich. Er hat das Zentrum inzwischen verlassen und lebt bei seiner Familie in einem Dorf Alexander Bühler / Caritas international

"Ich war nicht daran beteiligt," sagt er auf Swahili. Aber er plünderte und raubte, er musste Nahrung für die Miliz beschaffen. Zuerst war er nur ein Träger, dann diente er in der persönlichen Leibwache eines Offiziers, schließlich war er ein normaler Soldat. Doch dann gab es einen Wink des Schicksals: Eines Tages prophezeite ihm eine Frau aus einem Dorf, das seine Miliz plünderte: "Wenn du weiterhin Soldat bleibst, stirbst du bald." Er musste immer wieder an diesen Satz denken - und nutzte die erste Gelegenheit zur Flucht. Tagelang wanderte er durch den Busch, bis er schließlich zu einem Posten der UN -Schutztruppe  gelangte. Dort gab er seine Waffe ab und wurde an die Caritas weiterverwiesen.

Paul ist einer jener Fälle, in denen die Caritas-Heimleiter entscheiden müssen, ob sich die Probleme legen werden, oder ob er so schwer traumatisiert ist, dass er psychologische Unterstützung braucht. Paul hat Glück, dass die Caritas vor knapp einem Jahr einer der wenigen kongolesischen Psychologen für sich gewinnen konnte.

Es gibt viele ehemalige Kindersoldaten, meint Pascal Luhiriri, die wegen ihrer Erlebnisse an Schizophrenie oder Depressionen erkranken. Sein schwerster Fall war ein Junge, der jeden Tag zu einer bestimmten Zeit Blut sehen wollte. Sein Bedürfnis konnte er nur befriedigen, indem er sich mit anderen Kindern prügelte oder Tiere verwundete. Nur dann habe er sich beruhigt.  "Geistig war er immer noch bei einer Miliz, wollte schießen - aber mangels Waffe warf er Steine" erklärt Luhiriri.  "Daher habe ich ihn immer wieder zu einem ruhigen Platz geführt, wo er sich austoben konnte." Ganz langsam, erzählt er, fand das Kind damit und über viele Gespräche zu einer inneren Ruhe und konnte seine ursprünglichen Gewaltphantasien ablegen.

Kindersoldaten sind im Kongo eine Normalität. Kinder, die ihrer Familie entrissen und verschleppt werden, die furchtbares mitansehen müssen und furchtbares tun. Doch die Arbeit der Caritas hilft ihnen, gibt ihnen und ihren Familien eine Chance, wieder Frieden zu finden - und an der Gesellschaft mitzuarbeiten. Denn jeder der ehemaligen Kindersoldaten träumt davon, mach der Schule einen nützlichen Beruf zu ergreifen. Der eine möchte bei einer Hilfsorganisation mitarbeiten, der andere will Automechaniker werden und noch ein anderer will studieren. Die Caritas hat diese Normalität möglich gemacht. Sie hat es ermöglicht, dass Kinder, die nach Hause zurückgekehrt sind, auf die Frage, ob es ihnen gut geht, mit einem schlichten, lächelnd vorgetragenen "Ja." antworten können.

Von Alexander Bühler

Januar 2014